Aktuelle Themen

Flaute im Windpark - Energiewende in Gefahr

"Exakt - Die Story" nimmt die wachsenden gesellschaftlichen Konflikte rund um die Windenergie in den Blick und fragt nach, was deren Zuspitzung für die Energiewende in Thüringen bedeutet.
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3. Weiterbildungsfahrt „Windenergie“ am 15. Mai 2019

Am 15. Mai 2019 nahmen 43 Studierende der Ernst-Abbe-Hochschule und Mitglieder von BUND Jena an der dritten Weiterbildungsfahrt zur „Windenergie in Thüringen“ teil. Ziel der Fahrt war es, über Windkraft in der Region zu informieren und Erfahrungen beteiligter Akteure auszutauschen.

Initiatoren waren die Thüringer Energie- und GreenTech-Agentur GmbH (ThEGA), das Thüringer Erneuerbare Energien Netzwerk (ThEEN) e.V. und der Landesverband Thüringen des Bundesverbandes WindEnergie e.V.. Der BWE-Landesvorsitzende für Thüringen Frank Groß lobt das Format: „Besonders beim Thema Windkraft, bei dem Akzeptanz eine maßgebliche Rolle spielt, ist der Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern essentiell. Das junge Publikum in diesem Jahr zeigt, dass die Generation offen für die Energiewende und die Nutzung der Windenergie ist.“

Die Busfahrt startete in Jena und steuerte als erste Station den Windpark in Frauenprießnitz/Wetzdorf an. Dort wurde die Gruppe durch Herrn Köhler und Herrn Helmut von der Firma „median Neue Energie GmbH“ sowie Herr Dr. Darnstädt, dem Bürgermeister von Schkölen empfangen.

Am Beispiel des Windparks beschäftigte sich die Gruppe mit dem Thema Gewerbesteuerzahlungen. Der nächste Halt war der Windpark Rositz, in dem zwei Vertreter der EnBW AG mit den Teilnehmern über das Repowering von alten Anlagen sprachen. Abschließend wurde der Windpark Bucha/Coppanz besucht, in dem die derzeit leistungsstärkste Windenergieanlage mit dem größten Rotordurchmesser in Thüringen steht.

Hier beantworteten Herr Heinrich von Enercon und Frau Moritz von Denker & Wulf, als Vertreter der beteiligten Unternehmen, sowie der ehemaliger Bürgermeister Herr Dr. Redlich die Fragen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

10 Punkte für den Ausbau der Windenergie

Vorschläge zur Gewährleistung von Flächenverfügbarkeit, Handhabbarkeit naturschutzrechtlicher Vorgaben und Stärkung vor Ort

In ihrem Koalitionsvertrag 2018 haben sich CDU, CSU und SPD auf eine Erhöhung des Aus-bauziels für Erneuerbare Energien auf 65 Prozent bis 2030 geeinigt. Das ist kein fakultatives Ziel, der Ausbau der Erneuerbaren Energien ist eine klima- und energiepolitische Notwendig-keit.

Die Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ empfiehlt in ihrem Ab-schlussbericht das 65-Prozent-Ziel als notwendige Maßnahme zur schrittweisen Reduktion der Kohleverstromung. Der Monitoringbericht des Bundeswirtschaftsministers zur Versor-gungssicherheit sieht für den Erhalt der Versorgungssicherheit ebenfalls die 65 Prozent Er-neuerbare Energien bis 2030 als unabdingbar. Und auch die Übertragungsnetzbetreiber ha-ben ihre Netzausbauplanung bereits auf die Zielerhöhung ausgelegt. Die Energiewirtschaft und die Anlagenhersteller stecken in den Startlöchern, um zu investieren. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien ist landschafts- und naturverträglich realisierbar. Dafür braucht es jetzt die richtigen Rahmenbedingungen.

Die 65 Prozent Erneuerbare Energien sind nicht ohne den forcierten Ausbau von PV-Dach- und PV-Freifläche, Windenergie auf See und Wind an Land möglich. Die Windenergie an Land bleibt weiterhin das Last- und Zugpferd der Energiewende. Doch gegenwärtig lahmt der Ausbau der Windenergie an Land. Die letzten vier Ausschreibungsrunden waren deutlich unterzeichnet. Damit bleibt der Ausbau sogar hinter dem Status quo des Ausbaupfades im EEG 2017 zurück – und weit entfernt von einem Ausbaupfad hin zu 65 Prozent Erneuerbare Energien.

Es braucht ein klares Bekenntnis der Bundesregierung, des Deutschen Bundestages und der Bundesländer zum Klimaschutz und damit zum Ausbau der Erneuerbaren Energien. Diesem Bekenntnis muss die Umsetzung von konkreten Maßnahmen für mehr Genehmigungen von Windenergieprojekten an Land folgen. Politische Entscheidungsträger auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene müssen sich gemeinsam mit der Branche Akzeptanzfragen stellen und aktiv für die Notwendigkeit der Nutzung der Windenergie an Land als Beitrag zum Klima-schutz werben. Der Austausch zwischen Bund und Ländern zur Koordination der Energie-wende sollte auch auf Ministerebene intensiviert werden, um verbindliche Festlegungen zur effektiven Nutzbarmachung der benötigten Flächen zur Windenergienutzung zu erreichen.

Die Energiewende braucht einen verlässlichen Ausbaupfad für die Windenergie, sollen die oben beschriebenen energiepolitischen Ziele zur Kohlereduktion und zum Erhalt der Versor-gungssicherheit in Deutschland nicht Makulatur sein.

Der vorliegende gemeinsame 10-Punkte-Plan von Energiewirtschaft, Maschinen- und Anlagenbau und Umweltverbänden zeigt breit getragene Vorschläge auf, wie die Hemmnisse für den Windausbau an Land abgebaut und die Flächenverfügbarkeit für den weiteren Ausbau erhöht werden können.

Zehn Punkte, die für den Ausbau der Windenergie sprechen (PDF)

Repowering - Handlungsempfehlungen für den Weiterbetrieb von Windenergieanlagen in Thüringer Kommunen

In den kommenden Jahren fallen in Thüringen etwa 200 Windenergieanlagen (WEA) nach einem Zeitraum von 20 Jahren oder mehr aus der EEG-Förderung heraus. Es muss daher zeitnah geprüft werden, wie mit diesen Anlagen weiter umzugehen ist. Ein sorgfältiger Abwägungsprozess sollte vor einer Entscheidung über Rückbau, Ersatz durch neue Anlagen (Repowering) oder dem Weiterbetrieb ohne Förderung stehen.

Kommt man zu dem Ergebnis, dass Anlagen nicht wirtschaftlich weiterbetrieben werden können, und ruft man sich zugleich die Ausbauziele von Bund und Land vor Augen, wird schnell deutlich, dass Handlungsbedarf im Bereich des Repowering besteht. Ansonsten könnte es unter den aktuellen Rahmenbedingungen, völlig im Widerspruch zu den gesetzten Ausbauzielen, nach 2020 sogar zu einem Rückbau der installierten Windenergieleistung im Freistaat Thüringen kommen. Interesse am Repowering von Standorten besteht auch in Thüringen nicht nur bei den jeweiligen Anlagenbetreibern, sondern auch bei den Anwohnern, Grundstückseigentümern und Kommunen, denn Repowering bringt auch eine Erhöhung der regionalen Wertschöpfung zum Wohle aller mit sich.

(Quelle: ThEGA)

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Einfluss der Windenergie auf das weltweite Insektensterben zu vernachlässigen

Eine englischsprachige Veröffentlichung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) hatte die mediale Aufmerksamkeit in den vergangenen Tagen auf einen vermeintlichen Zusammenhang zwischen Windenergienutzung und dem Rückgang von Insektenbeständen gelenkt. In einem ausführlichen Infopapier nimmt der Bundesverband WindEnergie (BWE) die Aussagen der Studie unter die Lupe und vergleicht den Beitrag der Windenergie zum Insektenrückgang mit dem Einfluss anderer menschengemachter Einflussfaktoren. Fest steht: Der Einfluss der Windenergie auf die Insektenpopulationen ist zu vernachlässigen.

Bereits in einer kurzfristig veröffentlichten Pressemitteilung hatte der BWE auf die methodischen Schwächen der DLR-Veröffentlichung hingewiesen. In einem ausführlichen Hintergrundpapier werden nun weitere Informationen zum Thema Insektensterben aufbereitet dargestellt. Darüber hinaus werden die Kernaussagen der DLR-Veröffentlichung zusammengefasst, im Licht anderer wissenschaftlicher Erkenntnisse bewertet und durch eine BWE-Positionierung abgerundet.

„Schaut man sich die eigentlichen Gründe für das Insektensterben in Deutschland an, ist die Windenergie zu vernachlässigen. Stattdessen wird schnell klar, dass die immer intensivere Landbewirtschaftung u.a. durch den Einsatz von Pestiziden, Herbiziden und Düngemittel sowie durch die Zunahme von Monokulturen die Hauptursache des Bestandsrückgangs darstellt. Wer Insekten schützen will, sollte hier den Hebel ansetzen. Das bestätigen auch die Ergebnisse des Internationalen Insektenschutzsymposiums 2018“, kommentiert Wolfram Axthelm, Geschäftsführer Bundesverband WindEnergie anlässlich der Veröffentlichung des BWE-Infopapiers.

In der vergangenen Woche hatten sich neben dem BWE auch einige entomologische Fachexperten zu Wort gemeldet, die die Ergebnisse der DLR-Studie in Zweifel zogen. Sie verwiesen darauf, dass eine Analyse der Tötungszahlen die falsche Herangehensweise sei. Stattdessen sei es wichtig, geeignete Lebensräume für Insekten zu schaffen und zu schützen. Mit diesen Lebensräumen sei eine Stabilisierung der fortpflanzungsfreudigen Insektenpopulationen möglich.

„Windenergieprojekte schaffen schon heute durch naturnahe Kompensations- und Ausgleichsflächen neue Lebensräume für bedrohte Tier-, Pflanzen und Insektenarten. Gleichzeitig haben die in Deutschland installierten Windenergieanlagen alleine im Jahr 2018 CO2-Emissionen in Höhe von 72 Millionen Tonnen eingespart. Die deutsche Windenergie erbringt einen nachhaltigen Beitrag zum Klimaschutz und unterstützt so die Populationserhaltung auch im Bereich der Insekten“, macht Wolfram Axthelm erneut deutlich.

(Quelle: BWE)

Infopapier zu Windenergie und Insekten

  • Die Insektenbestände in Deutschland nehmen seit Jahrzenten ab. Als Hauptgründe dafür gelten die intensive Form der Landbewirtschaftung sowie die verstärkte Flächenversiegelung durch menschliche Infrastruktur.
  • Insekten erfüllen eine wichtige Rolle in nahezu allen Ökosystemen. Über ihre Artenvielfalt und ihre Populati-on in Deutschland besteht dennoch kein gesichertes Wissen.
  • Mit einer Veröffentlichung von Dr. Franz Trieb im Namen des Deutschen Instituts für Luft- und Raumfahrt (DLR) wird erstmals die Windenergie als ein möglicher Faktor für den Rückgang der Insektenbestände be-nannt.
  • Der BWE weist die Ergebnisse der DLR-Veröffentlichung entschieden zurück. Sie stützt sich auf unwissen-schaftliche Quellen, basiert auf methodisch willkürlichen Annahmen, blendet andere Einflussfaktoren aus und ist empirisch nicht abgesichert.

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Aktuelle Interviews

Mitgestalten statt Meckern

Bürgerbeteiligung als Chance, die Energiewende mitzugestalten

Mitgestalten ist besser als Meckern. So einfach lässt sich die Idee der Bürgerbeteiligung bei der Energiewende, das heißt dem Aufbau einer dezentralen, CO2-neutralen Energieversorgung, zusammenfassen. Denn - das ist kein Geheimnis - Veränderung sorgt häufig auch für Streit, zum Beispiel beim Bau von Windenergieanlagen.

Prof. Jens Wolling, Sie sind Professor für Kommunikationswissenschaft an der TU Ilmenau und verfolgen seit vielen Jahren, wie sich solche Konflikte am besten lösen lassen.

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Gibt es ein Erfolgsrezept, um Konflikte in der Bürgerschaft beispielsweise in Bezug auf Energieprojekte zu lösen?

Konflikte entstehen und verschärfen sich häufig, weil die Beteiligten nicht früh genug und nicht offen genug miteinander reden. Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Konfliktlösung, die die Interessen der Beteiligten bestmöglich berücksichtigt, ist die Bereitschaft in einen offenen Dialog einzutreten.

In einem solchen Dialog müssen nicht nur die Projektpläne, sondern auch die damit verbundenen Ziele und Erwartungen genauso wie die Bedenken und Vorbehalte nachvollziehbar kommuniziert und diskutiert werden.

Welche Schwierigkeiten sehen Sie, die die Kommunikation behindern?

Ein Problem ist, das über Aspekte des Themas diskutiert wird, die in dem konkreten Fall nicht zur Entscheidung stehen. Wenn in einem Ort eine Windkraftanlage gebaut werden soll dann geht es nur um dieses konkrete Projekt und nicht um die Energiewende insgesamt.

Falls Bürger grundsätzliche Einwände gegen die Energiewende haben, dann steht es ihnen offen, auf der dafür zuständigen politischen Ebene Einfluss zu nehmen, wenn sie etwas verändern wollen. Dass es beim Bau einer konkreten Anlage nicht um die Energiepolitik insgesamt geht, wird von manchen Personengruppen bewusst ignoriert.

Wenn politisch motivierte Agitatoren die Bürger zu Protesten gegen den Bau eines Windrades mobilisieren, es ihnen aber eigentlich um eine andere Energiepolitik geht und nicht um das konkrete Projekt, dann provozieren sie vorsätzlich Verdruss und Enttäuschung bei den Bürgern, denn vor Ort geht es um die konstruktive Gestaltung eines Vorhabens und nicht um eine Grundsatzentscheidung.

Was wären konkreten Fragen, die zu beantworten sind? Können Sie hier einige Beispiele nennen?

Gerne. Fragen, die in einem konkreten Fall diskutiert werden sollten, sind unter anderem folgende:

  • Ist es sinnvoll, an diesem Ort überhaupt ein Windrad zu bauen?
  • An welcher Stelle soll dieses Windrad gebaut werden?
  • Wieviel Geld wird mit diesem Windrad verdient, wer verdient es?
  • Um welche Höhe, Anzahl und Ausführung der Anlage handelt es sich?
  • Werden beim Bau der Boden-, Gewässer-, Natur- und Landschaftsschutz in bestmöglicher Weise berücksichtigt?
  • Werden Menschen durch die Bauwerke gesundheitlich gefährdet oder beeinträchtigt?
  • Was geschieht nach dem Ende der Lebensdauer mit der Anlage? Wie wird zurückgebaut? Lassen sich die Bauteile weiternutzen?
  • Welche Ausgleichs- und Ersatzmaßnahme wird (vor Ort) durchgeführt?

Wenn wichtige Fragen wie diese im Raum stehen, treffen vermutlich extreme Meinungen aufeinander. Wie ist es möglich, eine Eskalation zu vermeiden?

Die Betroffenen sollen ergebnisoffen in die Diskussion gehen. Enttäuschungen und Ärger sind dann vorprogrammiert, wenn für betroffene Bürger die Verhinderung der Windkraftanlage als einzig akzeptables Resultat in Frage kommt. Um eine solche Haltung zu überwinden, ist ein Perspektivwechsel notwendig. Die meisten Menschen wünschen sich, dass es bei Entscheidungen gerecht zugeht. Von daher empfehle ich die Gerechtigkeitsfrage zu stellen:

  • Wer wird durch das Projekt besonders belastet? Werden diejenigen auch entsprechend entschädigt?
  • Wer hat von dem Projekt die meisten Vorteile? Trägt derjenige, der Vorteile hat, auch entsprechend zur Entschädigung derjenigen bei, die belastet werden?

Stichwort Entschädigung: Wenn eine Kommune auf regenerative Energie setzt, sind in der Regel auch Ausgleichsmaßnahmen fällig. Darin steckt doch eigentlich eine Chance, oder?

Meiner Meinung nach sollen Ausgleichsmaßnahmen von den Verantwortlichen vor Ort definitiv als Chance und Gelegenheit angesehen werden, die Lebensqualität der Bürger zu erhöhen. Dies kann zum Beispiel passieren, indem Gebiete geschaffen werden, in denen unmittelbare Naturerlebnisse für die Menschen möglich werden.

Die Planung sinnvoller Ausgleichsmaßnahmen ist genauso wichtig wie die sorgfältige Planung des Projekts selbst. Bisher wird solchen Maßnahmen in der Praxis leider zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Besonders an der Stelle sollten Sachkenntnis und die Wünsche der Bevölkerung vor Ort viel stärker eingebunden werden.

Vielen Dank für das Gespräch.


Energie aus und für Thüringen

Hochschule Nordhausen: Den Erneuerbaren gehört die Zukunft

Die Energiewende gehört zu den großen Herausforderungen unserer Zeit. Viele Fragen sind noch ungelöst, während die Restlaufzeiten der Atomkraftwerke immer kürzer werden. Landauf, landab diskutieren Experten über intelligente Speicher- und Energieverteilungslösungen, aber auch über die Anteile der jeweiligen regenerativen Energien am künftigen Energiemix. Diese sollen in Thüringen nach dem Willen der Landesregierung in den nächsten Jahren deutlich ausgebaut werden, allen voran die Windenergie.

Prof. Dr.-Ing. Viktor Wesselak ist Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule Nordhausen. 

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Wenn man die verschiedenen regenerativen Energieerzeugungen vergleicht - was spricht aus Ihrer Sicht für die Windenergie?

Nun, da gibt es eine Reihe von Gründen. Windkraft wird zusammen mit der Photovoltaik den Kern unseres zukünftigen Energiesystems darstellen. Die beiden Energiearten ergänzen sich ziemlich gut: in Wochen in denen wenig Sonne scheint, haben wir häufig ein erhöhtes Windaufkommen und umgekehrt. Darüber hinaus haben Windenergieanlagen allgemein eine gute Ökobilanz und werden immer günstiger. Man muss auch kein Großkonzern sein, um den Bau einer Windkraftanlage zu stemmen. Kommunale Initiativen oder Genossenschaften ermöglichen es oft den Anrainern eines Windparks selbst unternehmerisch tätig zu werden.

Und dann haben wir natürlich - wie bei allen dezentralen Energien - noch den Faktor Arbeitsplätze. Obwohl wir in Sachen Windenergie noch am Anfang stehen, beschäftigt sie schon heute allein in Thüringen 3000 Menschen!

Schon jetzt hat die Windenergie den größten Anteil an der regenerativen Energieproduktion im Freistaat. Wieviel trägt Wind insgesamt zum Bedarf bei und welches Potential sehen Sie hier in Thüringen?

In Thüringen sind derzeit insgesamt 863 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von über 1.500 MW in Betrieb. Damit können über 650.000 Durchschnittshaushalte mit Strom versorgt werden. Das klingt erst einmal gut, reicht aber in Zukunft bei weitem nicht aus. Deutschland wird vermutlich im Jahr 2050 etwa viermal soviel Windkraft benötigen wie heute installiert ist. Auch Thüringen hat das Potential dafür - da ist noch eine Menge Luft nach oben – im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Warum haben wir denn nicht schon heute mehr Windenergie?

Gute Frage! Die muss man aber an die Politik weiterspielen. Wir rechnen in den nächsten Monaten eher mit einer Stagnation beim Ausbau der Windenergie in Thüringen, da derzeit  zu wenig Vorrangflächen ausgewiesen sind. Die Landesregierung weist mit dem neu verabschiedeten Thüringer Klimaschutzgesetz ein Prozent der Landesfläche als Windvorrangfläche aus. Ich bin gespannt, was passiert – denn im Augenblick haben wir gerade mal ein Drittel davon  für Windenergie genutzt!

Anders als Solarenergie hat Windkraft ein eher schlechtes Image. Woran liegt das?

So schlecht ist das gar nicht. Das wird von Gegnern der Windenergie gerne anders dargestellt. Es stimmt aber nicht. Laut einer aktuellen Forsa-Studie sehen 73% der Thüringer die Nutzung und den Ausbau von Windenergieanlagen im Binnenland als „sehr wichtig“ bzw. „eher wichtig“ an. Befindet sich in Wohnortnähe ein Windrad, sinkt dieser Anteil auf 68%. Mehr als die Hälfte der Befragten, in deren Wohnortnähe sich bisher keine Windräder befinden, haben gegenüber einem Neubau „weniger große“ oder gar „keine Bedenken“. Besonders jüngere Menschen sind da sehr aufgeschlossen. Das sind eigentlich gute Werte, die man aber steigern kann!

Und wie?

Es ist allgemein wichtig, die betroffenen Bürger bei der Planung solcher Anlagen von Anfang an einzubinden. Natürlich gibt es da Diskussionsbedarf und offene Fragen, z.B. wie stark die Geräuschbelästigung in welcher Entfernung ist oder wie groß die Bedrohung für Vögel ist.

Dann lassen Sie uns doch diese Themen der Reihe nach abarbeiten.

Gerne!

Wie ist das mit der Belästigung für die Anwohner?

In Thüringen gibt es ganz klare Richtlinien für die Abstandsregelung. Diese stellt sicher, dass Anwohner im Prinzip nicht belästigt werden. Etwas anders ist es mit der Sicht. Je nach Lage kann es natürlich sein, dass man von seiner Terrasse auf ein Windrad schaut. Das ist – zugegeben – Geschmackssache.

Allerdings erleben wir ja derzeit die Diskussion über den Hambacher Forst, der für die Produktion fossiler Brennstoffe abgeholzt werden soll. Und für Viele  sind die Proteste dort absolut nachvollziehbar. Wir müssen uns als Gesellschaft schon fragen, was uns lieber ist: Sichtbeeinträchtigungen durch Windenergieanlagen oder Bergbaufolgelandschaften eines Braunkohletagebaus. Ganz abgesehen davon, dass wir bei fossilen Energieträgern weiterhin den Klimawandel anheizen.

Wie ist das mit der oft genannten Gefahr für Vögel?

Die Errichtung einer Windenergieanlage stellt einen Eingriff in die Natur dar - gar keine Frage. Und auch hier muss man bei der Wahrheit bleiben und klar sagen: ja, es kommt zu Kollisionen von Vögeln und Windrädern. Verschiedene Gesetze regeln, dass der Artenschutz und im Übrigen auch andere Auswirkungen auf die Natur vor einer Genehmigung intensiv geprüft werden müssen. Bekannte Vogelflugrouten oder Nistplätze bedrohter Arten  sollen  beim Bau von Windenergieanlagen dann gemieden werden.

Generell gilt bei jedem Eingriff, dass entsprechende Ausgleichsmaßnahmen geleistet werden müssen. So hat beispielsweise die Gemeinde Nesse-Apfelstädt als Ausgleich für eine Windenergieanlage aus einem ehemaligen Trinkwasserspeicherbecken eine Überwinterungsstätte für Fledermäuse gemacht.

Hier sehe ich  die Windenergieanlagen-Betreiber in der Pflicht, der betroffenen Bevölkerung das hinreichend zu erklären.

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Das ist das Stichwort: wie können sich besorgte, aber auch interessierte Bürger einbringen und informieren?

Wie schon gesagt: die Akzeptanz der Bürgerinnen und Bürger bei der Energiewende muss von oberster Priorität sein, sonst gelingt das Vorhaben nicht! Gesetzlich vorgeschrieben ist ja, dass die Bevölkerung vor dem Bau von Windenergieanlagen intensiv informiert werden muss – in Form von Informationsveranstaltungen, Bekanntmachungen, etc.  Aber mir ist auch noch ein anderer Punkt wichtig: es gibt ja immer mehr Bürgerwindparks und Energiegenossenschaften. Darüber lässt sich nicht nur Geld investieren sondern auch mitgestalten.

Informationen gibt es außerdem zum Beispiel bei der Thüringer Energie- und GreenTech-Agentur (ThEGA), die sogar ein Gütesiegel „Faire Windenergie in Thüringen“ verleiht.

An dem Ausbau der Windkraft führt also kein Weg vorbei?

Ohne Windkraft wird das mit der Energiewende nichts. Und ohne Energiewende wird das mit dem Klimaschutz nichts. Und ohne wirksamen Klimaschutz sind unsere jetzigen Diskussionen Kinderkram.

Herr Prof. Wesselak, vielen Dank für das Gespräch.


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